Wir müssen bei uns selbst anfangen

Die jamaikanische Künstlerin D'bi Young spricht über ihre jüngsten Theaterarbeiten, ihre Rückkehr auf den Heimatkontinent Afrika und was es bedeutet eine schwarze Frau in Afrika zu sein

Stelle dich bitte kurz vor.
Hi, mein Name ist D'bi Young. Ich bin dub poet, mache Theater und bin nebenbei noch eine Lehrerin. 

Was heißt das, du bist eine Lehrerin?
Ich helfe den Leuten bei ihren schöpferischen Prozessen und mache das durch eine spezielle Methode, an der ich die letzten Jahre gearbeitet habe. Die Methode wurde von der Arbeit meiner Mutter Anita Stuart inspiriert, die auch eine der ersten dub poeten ist. Die Methodik heißt Sorplusi und ist ein englisches Akronym für acht Prinzipien, die ich beim Kunstmachen und in meinen Workshops anwende: Selbsterkenntnis, Oralität, Rhythmus, politisches Bewusstsein, Sprache, Dringlichkeit, Heiligkeit und Integrität.

Kannst du bitte kurz erklären, was ein dub poet ist?
Dub poetry ist eine politische Ausdrucksart des Volkes, die in poetischer Form wiedergegeben wird. Seinen Ursprung hat es in Jamaika und wurde in den Sechzigern von zwei jamaikanischen Leuten gegründet: Oku Onuora und Linton Kwesi Johnson. Vier Prinzipien machen dub poetry aus: Darbietung, Sprache, Politik und Musik. Diese Prinzipien habe ich leicht angepasst, die Oralität hinzu genommen – hier beschäftigen wir uns mit dem Erbe der mündlichen Kultur, Musik habe ich in Rhythmus geändert, damit auch außerhalb der reinen Form von Musik der Kreis für Diskussionen ausgeweitet und gewürdigt wird. Politik und Sprache blieben unverändert.

Eines der Themen deiner Theaterarbeit ist die afrikanische Diaspora. Du bist selbst afrikanischer Abstammung, was war dein Grund für die Rückkehr auf den Heimatkontinent Afrika?
Es gibt ein grundlegende Bewegung in Jamaika, das auf der Idee der Repatriierung beruht. Als verstreute Afrikaner, besonders die in der Karibik und Europa, bzw. all den Kontinenten, auf denen schwarze Menschen aufgrund des transatlantischen Sklavenhandels sind, gibt es schon frühe Bewegungen der Repatriierung, wie zum Beispiel von Marcus Mosiah Garvey. Auch der Rastafarianismus unterstützt die Idee der Repatriierung, wie auch die Bürgerbewegungen in den USA. Ich wurde 1977 geboren also direkt am Ende der Bürgerbewegungen in den USA und Jamaika. Meine Erziehung wurde sehr von der schwarzen nationalistischen Anschauungsweise beeinflusst. Es war immer mein Ziel, die Komplexität von Afrika wieder zu erlernen. Denn neben der Romantisierung von Afrika, glaube ich, dass man, sobald man sich mit der Kolonisierung und der Imperialismus beschäftigt, es wirklich um den folgenden Fakt geht: Es gibt noch viele Dinge, die in vielen Teilen der Welt erledigt werden müssen, was die Heilung anbelangt. Nur für welches Thema oder welche Aufgabe will ich nun meine Energie verwenden? Ich bin nach Afrika oder Südafrika zurückgekommen, um zu lernen, was auf diesem Kontinent passiert ist und wie sich das auf die Menschen ausgewirkt hat. Ideal ist es, wenn ich etwas lernen kann und gleichzeitig etwas mit den Leuten teilen kann.

Warum dann Kapstadt?
In Kapstadt bin ich letztes Jahr im Mai, während meiner internationalen Tour gewesen. Da habe ich mich in die Stadt und die Dynamik verliebt, da ich ja in Jamaika mit der einheimischen Musik und Kultur aufgewachsen bin, war ich auch konstant mit den Befreiungskämpfen in Südafrika und dem südlichen Afrika konfrontiert. Durch Künstler, wie Bob Marley, die die Apartheid thematisiert haben, fühle ich auch, dass ich eine emotionale Verbindung zu diesem Teil der Welt habe. Im Mai letzten Jahres habe ich gefühlt, dass ich zurückkommen möchte und die Jahre vor der Apartheid erforschen wollte. Auch wollte ich erforschen, in welchem Heilungsprozess Südafrika sich gerade befindet, denn 17 Jahre sind ja nicht gerade viel Zeit dafür. Aber mit Sicherheit passiert in dem Heilungsprozess einiges und ich wollte da auch mithelfen. 

Sind wir als Nation auf einem guten Weg?
Ich denke, wo auch immer Menschen an Veränderung arbeiten, gibt es Fortschritt. Anstatt die Veränderungen gut oder schlecht zu bewerten, betrachte ich lieber den Aspekt, des Fortschritts der Arbeit. Solange Leute an der Veränderung arbeiten, dann verändert sich auch etwas. Ich rede jetzt aber von einer positiven Veränderung. Ich entschließe mich dazu, die Veränderungen so zu betrachten, denn es kann sehr deprimierend und ernüchternd sein, wenn unsere Erwartungen sind, dass das Land jetzt in einem guten Zustand ist. Anschließend stellen wir fest, dass man das gar nicht so einfach beurteilen kann, weil es viel komplexer ist. Ich denke, dass die Art in der wir Veränderung anschauen, muss sich selbst verändern. Wir müssen sogar die winzigste Veränderung hinsichtlich sozialem Wandel wertschätzen. Zuallererst müssen wir aber bei uns selbst anfangen.

Eine der jüngsten Theaterarbeit war das Stück 'Khululekhani emakyaha', das an der UWC Universität in Kapstadt von einer Theatergruppe der Studenten aufgeführt wurde. Wie hast du mit der Theatergruppe gearbeitet?
Das Theaterstück wurde von den Studenten selbst geschrieben und ich habe Regie geführt. Ich habe mit ihnen die Sorplusi-Methodik angewandt. Was in dem Prozess passiert, ist im Wesentlichen der Beginn mit der Selbsterkenntnis und der Frage: Wer bin ich? Ich arbeite mit ihnen mit den Prinzipien, die ich vorher beschrieben habe. Aber das Prinzip der Selbstkenntnis ist das Entscheidende. Gerade weil es um die Rolle geht, die man selbst im Alltag hat. In diesem Stück war das Thema Heimat und es war wichtig, dass sie in ihren eigenen Körpern verstehen, was Heimat für sie bedeutet. Also habe ich die Theaterstudenten gebeten, mir von ihnen offen zu erzählen und gerade weil sie offen mit mir waren, war es mir möglich aus den Gesprächen abzuleiten, wo ihre hauptsächlichen Sorgen waren. Ich habe sie dazu ermutigt weiter zu forschen. Und es war ihnen möglich, das Dringlichste in ihrem Körper zu benennen und dann in der Relation zur Heimat zu sprechen. Wenn man mit Selbsterkenntnis beginnt, muss man ehrlich damit sein, was im Körper gerade vorgeht. Alle Prinzipien wurden durchlaufen und das Kollektiv fand einen Weg, ihre Themen zu bewältigen und darzustellen. 

Eine weiter bedeutende Frage des Theaterstücks war: Was bedeutet es eine schwarze Frau in Afrika zu sein?
Diese Frage kann sehr persönlich beantwortet werden, da sich ja jeder anders wahrnimmt. Aber für mich gibt es zwei Dinge, wie ich mich selbst als Mensch erlebe: Ich lerne konstant dazu, aber verändere mich auch. Jeden Tag lerne ich etwas Neues und das versuche ich dann in die Sichtweise meines Ichs mit einzuarbeiten. Als jemand, der neuen Erkenntnissen immer offen gegenübersteht, bin ich auch offen und ehrlich mit mir, dass ich manchmal absolut keine Ahnung von bestimmten Vorgängen habe und mir andererseits manchmal sehr klar ist, was passiert. Ich beginne zu verstehen, dass diese Form der Offenheit sehr bedeutend ist, um zu lernen, wie man richtig liebt. Die Art, wie ich mich als schwarze Frau erlebe, ist von der Idee beeinflusst, wie man richtig liebt. Und das die Linse, durch die ich die Welt beginne zu sehen. Ich könnte auch über Rassismus, Patriarchie, Homophobie, Klassismus und all diese Dinge sprechen, aber wenn ich mir anschaue, was diesen Sachen zugrunde liegt, erkenne ich, dass jemand oder wir alle nicht wissen, wie man richtig liebt. Das zu erforschen ist meine Aufgabe. Mein eigenes Hauptaugenmerk ist darauf ausgerichtet, mich selbst darin zu üben, wie ich mich verantwortlich in dieser Welt verhalten kann. Hoffentlich kann ich ein paar Sachen herausfinden und dann ein Vorbild sein. Aber zuerst muss ich mich mit mir selbst beschäftigen.

Erzähle uns von deinem YEMOYA Projekt.
YEMOYA ist eine internationale Künstlerresidenz in Kapstadt. Das Projekt habe ich bereits in Toronto gestartet. Im Wesentlichen ist die Teilnahme für nationale und internationale Künstler kostenlos, weil ich der Meinung bin, dass Ausbildung kostenlos sein sollte. Die Künstler kommen also und studieren mit mir für die Zeit von einem Monat. Es können aber maximal drei oder vier Künstler aufgenommen werden. Sie arbeiten dann an einem speziellen Kunstprojekt, das sie dann am Ende des Monats vorzustellen. Das Fundament des Programms ist meine Sorplusi-Methodik. Weiterhin arbeiten die Studenten als Mentoren für jüngere Kinder, es gibt Einzelübungen mit mir, Gruppenübungen und wöchentliche Auftritte im Tagor's in Observatory sowie eine Abschlussfeier mit einem abschließenden Auftritt. Das Programm findet drei Mal jährlich statt, nächstes Jahr im März, Juli und November.

Da wir über Erkenntnisse, Bildung und Erziehung gesprochen haben, wie kann Theater an sich, die Bildung junger Schüler verbessern?
Das Theater ist ein unglaubliches Instrument zur Förderung der Ausbildung, denn es spielt mit der Fantasie und den Möglichkeiten. Es ermutigt, diejenigen, die daran teilnehmen, sich zu entwickeln und zu spielen. Es ist an sich ein sehr mächtiges Medium, durch das man dann Bildung übermitteln kann. Wenn jemand mitspielt, sich Sachen vorstellt und sich amüsiert, dann kann man den Begriff der Gerechtigkeit, Liebe, Verantwortlichkeit und Pflicht, Stille oder Beobachtung einführen. Man kann viele Ideen oder Vorstellungen vorstellen, denn wenn die Menschen Theaterspielen, sind sie so offen für alles.

Das Interview führte Julian Friesinger.
 

Um eine der Auftritte oder Theaterstücke von D'bi Young' zu sehen, besuche ihre Website www.dbiyoung.com

Apropos Theater, hier gibt es eine Übersicht, wo du Vorstellungen in Kapstadt sehen kannst.

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